Ödipus/Die Höllenmaschine
von Jean Cocteau
Inhaltsangabe Jean Cocteau: DIE HÖLLENMASCHINE, 1932

»Um diese Prophezeiung des Apollon zu verhindern, setzt Jokaste, die Königin von Theben, ihren Sohn mit durchstochenen und gefesselten Füßen im Gebirge aus. Ein Hirte aus Korinth findet den Säugling und bringt ihn zu Polybius. Polybius und Merope, König und Königin von Korinth, klagen über ihre unfruchtbare Ehe. Das Kind, das Bären und Wölfe verschont haben, wegen seiner geschwollenen Füße Ödipus genannt, halten sie für ein Geschenk des Himmels und nehmen es an Kindes Statt an.
Als junger Mensch befragt Ödipus das Delphische Orakel. Der Gott spricht: »Du wirst den Vater ermorden und die Mutter heiraten.« Deshalb glaubt er, er müsse Polybius und Merope meiden. Die Angst vor Vatermord und Inzest treiben ihn ins Verhängnis.
Bei seinem Herumziehen begegnet er eines Tages am Kreuzweg der Straßen von Delphi und Aulis einem Gefährt. Ein Pferd stößt ihn. Es entsteht Streit, ein Diener bedroht ihn; er wehrt sich durch einen Hieb mit dem Stock. Der Schlag verfehlt sein Ziel, und er hat den Herrn erschlagen. Der tote Greis ist Laius, König von Theben. Der Vatermord ist geschehen. Das Gefolge fürchtet, in einen Hinterhalt geraten zu sein, und sucht das Weite. Ödipus ahnt nichts, er zieht weiter. Außerdem ist er jung, ein Schwärmer, bald hat er den Zwischenfall vergessen.
Als er einmal irgendwo rastet, erzählt man ihm von der Plage der Sphinx. Die Sphinx, »die geflügelte Jungfrau«, »die singende Hündin«, wütet unter der Jugend von Theben. Das Ungeheuer gibt ein Rätsel auf und tötet alle, die es nicht lösen können. Die Königin Jokaste, die Witwe des Laius, verspricht ihre Hand und ihre Krone dem Sieger über die Sphinx.
Mit der Begeisterung eines jungen Siegfried stürzt sich Ödipus in das Abenteuer. Die Neugierde, der Ehrgeiz verzehren ihn. Die Begegnung findet statt. Wie war diese Begegnung? Geheimnis. Doch es geschieht, daß der junge Ödipus als Sieger in Theben einzieht und die Königin zum Weib nimmt. Die Blutschande ist begangen.
Damit die Götter sich so recht amüsieren, muß ihr Opfer von sehr hoch herabstürzen. Jahre vergehen, voller Glück. Zwei Söhne, zwei Töchter machen die scheußliche Heirat noch ärger. Das Volk liebt seinen König. Aber das Unheil bricht los. Die Götter erheben Anklage gegen einen unbekannten Täter, daß er das Land beflecke, und verlangen seine Verfolgung. Unablässig nachforschend und wie berauscht von dem drohenden Unheil, gelangt Ödipus an das Ende der Sackgasse. Die Falle schließt sich. Alles wird klar. Jokaste erhängt sich an ihrer roten Schärpe. Mit der goldenen Brosche der erhängten Frau sticht sich Ödipus die Augen aus.
Wir sehen eine der vollendetsten Maschinen, ein Uhrwerk, das, völlig aufgezogen, langsam, ein Menschenleben lang, abläuft, von den teuflischen Göttern erdacht zur mathematischen Vernichtung eines Menschen.
[...] Siebzehn Jahre sind schnell vergangen. Die große Pest von Theben scheint die erste Schlappe im sprichwörtlichen Glück des Ödipus zu sein, denn damit ihre Höllenmaschine eine stärkere Wirkung erzielt, haben die Götter gewollt, daß alles Unheil plötzlich unter der Maske des Glücks hervorbricht. Nach dem falschen Glück wird der König das wirkliche Unglück, die wahre Krönung erleben, die aus diesem Kartenkönig in der Hand der grausamen Götter endlich einen Menschen macht. «
Jean Cocteau
Besetzung
| ÖDIPUS | Christoph Thonfeld |
| JOKASTE | Katja Ahrens |
| TEIRESIAS | Heiko Brockmann |
| SPHINX | Julika von Bock |
| ANUBIS | Nicole Friedrich |
| MATRONE | Susanne Harms |
| KREON | Andreas Wick |
| ANTIGONE | Julika von Bock |
| JUNGER SOLDAT | Sebastian Hebenbrock |
| ALTER SOLDAT | Peter Stütz |
| HAUPTMANN | Nicole Friedrich |
| GESPENST DES LAIUS | Oliver Rahe |
| POSTEN | Sebastian Hebenbrock |
| BETRUNKENER | Peter Stütz |
| BOTE AUS KORINTH | Daniel Intemann |
| HIRTE DES LAIUS | Nicole Friedrich |
| REGIE | Oliver Huhn |
| SOUFFLEUSE | Armgard Hoffmann |
| BÜHNENBILD | Rolf Weber |
| BÜHNENBAU | Rolf Weber, Thomas Bähr, Peter Stütz |
| KOSTÜME | Armgard Hoffmann, Katja Ahrens, Susanne Harms, Julika von Bock |
| SCHNEIDEREI | Armgard Hoffmann |
| MASKE | Regina Rahlf, Katja Ahrens |
| BELEUCHTUNG | Oliver Huhn |
| TON | Stefanie Pokroppa |
| PRESSEPHOTOS | Frank Kruse |
| GRAFIK UND MEDIEN | Andreas Wick |
| CATERING | Markus Lahmann |
| PRODUKTIONSASSISTENZ und KOCH | Tim Sorgalla |
Aufführungen
- Fr. 11.04.2003 20 Uhr Theatersaal Wilhadi-Gemeinde, Steffensweg 89
- Sa. 12.04.2003 20 Uhr Theatersaal Wilhadi-Gemeinde, Steffensweg 89
- Fr. 02.05.2003 20 Uhr Kulturzentrum Westend, Waller Heerstr. 294
- Sa. 03.05.2003 20 Uhr Kulturzentrum Westend, Waller Heerstr. 294
- So. 04.05.2003 16 Uhr Kulturzentrum Westend, Waller Heerstr. 294
- Fr. 09.05.2003 20 Uhr Cato-Bontjes-van-Beek Gymnasium, Achim, Bergstr. 26
- Fr. 16.05.2003 20 Uhr Kulturbahnhof Vegesack, Hermann-Fortmann-Str. 32
- Sa. 17.05.2003 20 Uhr Kulturbahnhof Vegesack, Hermann-Fortmann-Str. 32
- So. 18.05.2003 16 Uhr Kulturbahnhof Vegesack, Hermann-Fortmann-Str. 32
Kurzbeschreibung
„Den Vater wird er erschlagen, die Mutter nehmen zum Weib.“
Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom sagenhaften König Ödipus, der auszieht die Rätsel der Sphinx zu lösen und unerwartet dem Rätsel seiner eigenen Vergangenheit - seines eigenen Schicksals - begegnet? - Was für den Zuschauer zunächst unterhaltsam-komödiantisch daher kommt, entwickelt sich mit der aufkommenden Erkenntnis der eigenen Herkunft und der Verstrickung ins eigene Schicksal zur klassischen Tragödie.
„Wir sehen eine der vollendetsten Maschinen, ein Uhrwerk, das, völlig aufgezogen, langsam, ein Menschenleben lang, abläuft, von den teuflischen Göttern erdacht zur mathematischen Vernichtung eines Menschen.“
Was bei Cocteau als „göttliches Komplott“ gedacht ist, wird in der Inszenierung des BAT Ensembles zur Frage: kann man seine HÖLLENMASCHINE aufhalten, wenn man sie rechtzeitig erkennt?
„Viele Menschen werden blind geboren und merken es nicht, bis ihnen eines Tages die Wahrheit die Augen aufreißt.“
Wer die HÖLLENMASCHINE nicht sieht, könnte ihr nächstes Opfer sein.
Zum Stück
Die Sage von König Ödipus, dem manischen Rätsellöser und Besieger der Sphinx - und der seinen Vater erschlägt und seine Mutter heiratet - kennt fast jeder, der liest und ins Theater geht. Selbst Kinogängern und Psychofreaks ist Ödipus dem Namen nach geläufig.
Unzählbar sind die Bearbeitungen von der Antike bis heute, und in seinen zahlreichen Variationen ist Ödipus eines der meistgespielten Stücke seit den Anfängen des Theaters. Dieses gut zweieinhalb-tausend Jahre alte Stück (die Sage ist noch mal Jahrhunderte älter) hat wie kein anderes Theaterschriftsteller von Sophokles bis Cocteau zur Auseinandersetzung verführt und das Publikum erschreckt, gerührt und unterhalten.
Cocteau zeigt uns in seiner HÖLLENMASCHINE etwas mehr als die anderen Autoren: das Gespenst des Laius, Ödipus Vater, den er erschlug; Ödipus löst das Rätsel der Sphinx; Ödipus und Jokaste im ehelichen Schlafzimmer. Und schließlich dann Ödipus letztes Rätsel: woher kommt er, wer ist er, warum ist er der, der er ist - Besieger der Sphinx, Heilbringer für Theben, Vatermörder und Gatte seiner Mutter - ein Erlöser und ein Monstrum ...
Das erstaunliche ist, das Cocteau seine HÖLLENMASCHINE anlegt als „vollendetste Maschine, als ein Uhrwerk, das, völlig aufgezogen, langsam, ein Menschenleben lang, abläuft, von den teuflischen Göttern erdacht zur mathematischen Vernichtung eines Menschen“ - und dann scheinbar ganz ohne hinter den Kulissen ihre Fäden ziehende Götter auskommt.
Selbst die Sphinx, deren Begegnung mit Ödipus wir beiwohnen, ist ein ganz normales Mädchen, das am Wegesrand sitzt und Ödipus in ein Gespräch und schließlich in eine Art Quiz verwickelt, wenn auch mit etwas Theaterdonner und Knalleffekten. Nichts von Übersinnlichkeit oder teuflischem Plan, hinter dem höhere Mächte stecken. Von diesem „Komplott der Götter gegen Ödipus“ erfahren wir nur vom Hörensagen.
Kein göttliches Komplott - sondern Schicksal - oder Zufall? Zufälle, die unser aller Leben bestimmen und denen wir uns - gleich einem göttlichen Diktat - nicht entziehen oder widersetzen können oder wollen, und das uns mal ins Glück und mal ins Unglück, hoffentlich selten in eine Katastrophe solchen Ausmaßes führt.
Das alles zuweilen recht unterhaltsam verpackt. Eben lacht man noch über die hysterischen Launen der Königin Jokaste, das etwas trottelige Gespenst des Laius, lächeln über den Charme der Sphinx oder nachsichtig über das jugendlich-aufbrausende Temperament des Ödipus - um im nächsten Augenblick zu ahnen, das dies alles nicht gut ausgehen wird - nicht gut ausgehen kann und darf! Die HÖLLENMASCHINE ist nicht mehr aufzuhalten.
Und so finden wir uns wieder in der Figur des siegreich-glücklichen Ödipus, der unweigerlich in seine eigene Katastrophe steuert: Das Leben ist bestimmt durch rätselhafte Ereignisse - ob von Göttern ersonnen oder nicht - denen wir uns nicht entziehen können oder wollen.
Cocteau befand sich zur Zeit der Niederschrift in einem Sanatorium zum Opium-Entzug; und vielleicht war er sich selbst nicht sicher ob eine teuflische Macht oder er selbst sich dieser Droge ausgeliefert hat.
Szenenfotos

Ödipus und seine Frau Jokaste

Die rätselhafte Sphinx und der Gott des Todes, Anubis

Ödipus und der blinde Seher Teiresias